| „Naaaaazis rau-au-au-au-aus!“ |
Gendenkkonzert für Alberto Adriano setzt im Dessauer Stadtpark Zeichen gegen Rassismus und rechte GewaltDas Zelt im Dessauer Stadtpark macht lange einen verwaisten Eindruck. Ein Kamerateam sucht zunächst vergeblich nach Bildern. Am Bierstand herrscht gähnende Leere. Erst nach und nach findet sich das Publikum am 12. Juni 2010 zum Gedenkkonzert ein, dass zehn Jahre nach dem Mord an Alberto Adriano an die schreckliche Tat erinnern und damit zugleich ein Zeichen gegen rechte Gewalt und Rassismus setzen möchte (mehr dazu hier...). Es kommen schließlich fast 300 Menschen zu dem vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz geförderten Projekt. ![]() Am Abend füllte sich das Konzertzelt zusehends Die allerdings haben ihren Spaß. KulturamtsmitarbeiterInnen bewundern ihren Nachwuchs auf der Bühne, alternative Jugendliche rocken gemeinsam mit Größen der regionalen Hip Hop-Szene ab und die afrikanische Community der Region, die fast vollständig angetreten ist, scheut den interaktiven Kontakt auf der Tanzfläche nicht. Die Veranstalter um den Förderverein Junger Musiker (mehr dazu hier...) und die Deutsche Angestellten-Akademie (mehr dazu hier...) ziehen dann auch ein ambivalentes Resümee. Erfreulich sei, dass mit der Aktion immerhin 400,00 Euro gesammelt werden konnten, die nun der Familie Alberto Adrianos zu Gute kommen sollen. Schockiert zeigten sich die OrganisatorInnen von den Reaktionen nicht weniger PassantInnen. Die hätten aus ihren alltagsrassistischen Einstelllungen keinen Hehl gemacht. An gleicher Stelle fand einen Tag zuvor indes eine hochkarätig besetzte Fachtagung und eine Gedenkstunde statt (mehr dazu hier...). ![]() Örtliche Initiativen für Demokratie präsentieren ihre Angebote Der Wettergott ist an diesem Tag wohl kein Antirassist. Sprühregen wechselt sich mit heftigen Schauern ab. Zum Glück haben die Veranstalter vorgesorgt und ein imposantes Konzertzelt zur Verfügung. Dort tut sich in den Nachmittagsstunden zunächst wenig. Die Stille im Zelt wird hin und wieder durch das Hämmern auf das Schlagzeug und den Griff in die Bassgitarre unterbrochen. Paradiesische Zustände für die Technikcrew und die Bands: Der Soundcheck kann mangels Publikum ins Unermessliche ausgedehnt werden.    Da verwundert es umso mehr, dass „Super Sonic Drum Session“ keine Motivationsprobleme zu haben scheinen. Das interkulturelle besetzte Percussion-Projekt aus Dessau bespielen die handgezählten 15 Fans, die sich zu diesem Zeitpunkt auf der Tanzfläche eingefunden haben, geschlagene zwei Stunden. Die Felle glühen und die Band hält sich selbst in bester Laune. Unter den sieben MusikerInnen auf der Bühne ist ein Jugendlicher besonders engagiert. Der wurde erst vor wenigen Tagen für den Auftritt verpflichtet, hat vorher nicht in der Combo gespielt. Seinen Eltern jedenfalls, ist der Stolz auf den Sprössling anzumerken. Die strahlen über das ganze Gesicht und nehmen beinwippend den Takt der Trommeln auf. ![]() Bands aus der Region treten auf  Unterbrochen wird die familiär anmutende Idylle durch ein Ereignis, dass zahlreiche Polizeifahrzeuge jäh ankündigen: Eine Antifa-Demonstration macht am Stadtpark einen Zwischenstopp. Stellvertretend für die 250 Teilnehmer der Demo, legen der Flüchtlingsaktivist Mouctar Bah und der Dessauer Stadtrat Thomas Busch einen Kranz an der Stele ab, die an die Ermordung Alberto Adrianos erinnert. ![]() Die Antifa-Demonstration macht später Station am Konzertgelände Zeitsprung. Am Abend füllt sich das Konzertzelt zusehends. Kein Wunder, stehen jetzt doch Künstler und Künstlerinnen auf dem Spielplan, für die nicht wenige die Anreise aus Magdeburg, Leipzig, Wittenberg und Berlin gern in Kauf nehmen. D-FLAME ist einer davon (mehr dazu hier...). Der Hip Hopper mit unüberhörbaren Reggea-Einschlägen ist seit über 10 Jahren im Geschäft und hat es durch Clips auf MTV und Viva zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht. Auf der Bühne begeistert er vor allem durch seine unglaubliche physische Präsenz. Das ist auch im Dessauer Stadtpark nicht anders. Die Fans sind von der Dynamik begeistert, honorieren den Auftritt ein ums andere Mal mit zustimmenden Interjektionen. D-FLAME steht wie viele Akteure aus der hiesigen Hip Hop-Szene aber auch für eine offensive Auseinandersetzung mit Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit. Nicht von ungefähr hat er sich deshalb in dem antirassistischen Projekt BROTHERS KEEPERS (mehr dazu hier...) engagiert und Gesicht gegen rechte Gewalt gezeigt. ![]() D-FLAME erst ohne modischer Jacke... ![]() ...und dann mit Obertrikotage Apropos BROTHERS KEEPERS. ADE BANTU gilt als einer der Gründer der Initiative und wurde mit dem Projekt im Jahr 2001 schlagartig populär (mehr dazu hier...). Er hatte es geschafft, unter diesem Label zahlreiche afrodeutsche Hip-Hop-Künstler und Soul-MusikerInnen zusammenzubringen. Ein Auslöser für die Aktion damals: Die Ermordung Alberto Adrianos. Wohl auch deshalb lässt sich der Deutsch-Nigerianer 10 Jahre nach der Tat nicht zweimal bitten, am Ort des Verbrechens auf die Bühne zu kommen. Das gilt uneingeschränkt auch für NOSLIW. Der Reggae-Ausnahmekünstler rockt seit den 1990er Jahren die Clubs im Land. Auch er versteht sein Engagement bei BROTHERS KEEPERS als klare Ansage für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Ein Blick ins Internet bestätigt das. Dort ist NOSLIW gutgelaunt zu erleben, wie er singt und dabei ein Schild in die Kamera hält (mehr dazu hier...). Darauf steht in Frakturschrift: „Naaaaazis rau-au-au-au-aus!“. Den Song packt er auch in Dessau aus. Das dieser bei den Fans ankommt und wegen der einfachen Textstruktur aus dutzenden Kehlen mitgesungen wird, überrascht nicht: Hat NOSLIW doch ein lupenreines Heimspiel. ![]() ADE BANTU im Gespräch mit der Moderatorin ![]() NOSLIW hat ein politisches Heimspiel Kaum ein Konzert kommt heute noch ohne einen Überraschungsgast aus. Der auf dem Adriano-Benefiz-Konzert materialisiert sich in Gestalt von EASED alias Frank Delle aus dem Nichts auf den Brettern (mehr dazu hier...). Der Frontman des Berliner Dancehall-Projekts SEEED erntet zunächst ungläubige Blicke, um dann stürmisch begrüßt zu werden. Nach einer kurzen Schockstare gehen die Leute so richtig ab. Dieser Coup, von dem selbst die Veranstalter nichts gewusst haben wollen, lädt die Atmosphäre positiv auf und stimmt zugleich auf den Höhepunkt ein. ![]() Überraschungsgast des Abends: Frank Delle alias EASED (SEEED) Die Crossover-Band MUTABOR sorgt für Feuer unterm Dach: Sprichwörtlich und in echt. Alle der 300 Gäste sind jetzt von der einen in die andere Zeltecke unterwegs. Die musikalische Synthese aus Rock, Reggae, Ska, Folk und Pop wirkt dabei nie beliebig, sondern kommt als kohärente Komposition daher, die zugleich mitreißt und fesselt (mehr dazu hier...). Nicht von ungefähr füllt die Band seit ihrer Comeback-Tour im letzten Jahr regelmäßig mittelgroße Säle. Da ist das Abrennen von pyrotechnischen Erzeugnissen zum großen Finale nur konsequent. ![]() MUTABOR rockten das Konzertzelt... ![]() ![]() ...und sorgten für Feuerwerk Jörg Folta steht da noch im Stress, muss er doch das polizeilich verfügte Konzertende Schlag Mitternacht durchsetzen. Der Sprecher des Fördervereins Junger Musiker (beatclub) ist erleichtert und empört zugleich. Dass schließlich 300 Menschen gekommen sind, wertet er als Erfolg schränkt jedoch aus lokaler Sicht ein: „Das Interesse der Dessauer hätte größer sein können.“ Die Kommentare zahlreicher PassantInnen, die beim Aufbau zufällig am Konzertort im Dessauer Stadtpark vorbeigekommen seien, gehen ihm noch immer nicht aus dem Kopf: „Wir waren entsetzt über diese Reaktionen.“ Viele hätten demnach nicht nur ihr Unverständnis über die Notwendigkeit eines solchen Konzertes zum Ausdruck gebracht, sondern ganz klar rassistisch argumentiert und dabei das Andenken Alberto Adrianos verunglimpft. Für ihn sei das ein Grund, auch weiter am Ball zu bleiben. Folta kündigt an, dass Thema offensiv zu verfolgen und weiter Spenden für die Familie des ermordeten Mosambikaners zu sammeln. Dabei sei der Förderverein nicht allein. So habe das renommierten MELT!-Festival schon eine aktive Unterstützung zugesichert. verantwortlich für den Artikel: ![]() |













